Finanzen
Mister Dax – Dirk Müller „Angst vor Inflation ist übertrieben“

Dirk Müller kritisiert die europäische Krisenpolitik, die vor allem durch Sparpakete dominiert sei. Dem IWF wirf er Doppelzüngigkeit vor und die Angst vor Inflation hält er für übertrieben.

Überlebt der Euro?

Überlebt der Euro?

Der Börsenexperte Dirk Müller kritisiert das Krisenmanagement in Europa. „Die Verabschiedung immer neuer Sparpakete läuft in die falsche Richtung“, warnte Müller im Interview mit dem Anlegermagazin ‚Börse Online‘. Reformen seien zwar notwendig, sollten aber von Konjunkturhilfen begleitet werden.

IWF ist doppelzüngig

Mit dem Internationalen Währungsfonds ging Müller besonders hart ins Gericht. Dieser würde einerseits Ländern wie Italien, Spanien oder Griechenland drakonische Sparmaßnahmen aufbürden und andererseits dem global größten Schuldner – den USA – von Sparmaßnahmen abraten und zum Investieren anregen. „Ein unglaublicher Fall von Doppelzüngigkeit“, ereiferte sich Müller, der auch als Mister DAX bezeichnet wird. „Europa zerschlägt seine industriellen Strukturen, obwohl klar ist, dass die Schuldenproblematik dadurch nicht gelöst wird. Dagegen sanieren die USA ihre Industrien, weil sie wissen, dass Inflation kein Dogma ist.“

Öl und Gas sind Griechenlands Chancen

Chancen für Griechenland sieht Müller vor allem aufgrund der großen Erdgas- und Rohölvorkommen. Mit Hilfe von europäischen Fördermitteln und privatem Kapital könnten Unternehmen wie Wintershall oder Eni gemeinsam mit griechischen Firmen diese Reservoirs anzapfen. Warum dies nicht passiert, ist für den ehemaligen Kursmakler nicht nachvollziehbar.

Will man Griechenland an die Wand drücken?

„Ich will keine neuen Verschwörungstheorien aufstellen, aber irgendwie drängt sich der Verdacht auf, man will Griechenland an die Wand drücken, bis kein Ausweg mehr bleibt, als die Förderrechte zu verramschen“, mutmaßte Müller. Weiteres Potenzial für Südeuropa berge zudem die europaweit beschlossene Energiewende. „Denn weitere Produktivitätssteigerungen sind nur umzusetzen, wenn die Energiekosten dauerhaft sinken.“

Angst vor Inflation ist übertrieben

Die Angst vieler Menschen vor der Rückkehr hoher Inflationsraten hält Müller für übertrieben. „Teuerung ist ja nicht per se schlecht oder schädlich“, begründete er gegenüber ‚Börse Online‘. „Im Gegenteil: Eine kontrollierte Rate zwischen sieben und acht Prozent wäre sogar dringend vonnöten, um unsere Systeme wieder in Gang zu bringen, begleitet von steigenden Löhnen und Renten.“ Das Risiko, dass die Inflation vor lauter Sparpaketen nicht bis zur Ladentheke vordringt, sei aber groß. „Ein Stagflationsszenario wie in Griechenland, wo die Unternehmen zunehmend in die Zange zwischen steigenden Rohstoffkosten und einer fehlenden Preisverhandlungsmacht geraten, wäre allerdings eine echte Katastrophe.“ [ots / Börse Online]

Dirk Müller ist der Geschäftsführer der Finanzethos GmbH und seit Jahren als Finanzexperte für TV, Print- und Onlinemedien tätig.

Sebastian Fiebiger

Diesem Müller-Statement kann ich in groben Zügen zustimmen. Ich habe schon mehrfach die eher zweifelhafte Rolle des IWF bei der Lösung europäischer Probleme herausgestellt. Sollte der IWF künftig als Geldgeber für Griechenland aussteigen – was sich ja bereits abzeichnet – ist das sicher eher positiv für Europa.

Griechenland muss sparen, Demokratie abbauen und den Sozialstaat effektivieren. Aber das funktioniert nicht ohne Stimulation der Wirtschaft. Und genau da müssen sich die europäischen Partner stärker engagieren. Nicht in Bereichen, wo sie selbst Umsätze verlieren, aber da, wo die Eurozone Schwächen hat und wo man Außenumsätze substituieren kann.

Hohe Inflationsraten sind toll. Sie zwingen zum Investieren und Verhindern das Bunkern von Geld. Das ist derzeit das größte Problem der europäischen Volkswirtschaften.

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