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Lifestyle

Kolumne: Die wichtigsten Kindheitslügen

Kindheitslügen

Kindheitslügen (Foto: Tatyana_Tomsickova | Bigstock)

Scheiß auf die Lachfältchen um die Augen oder das Finanzamt. Peanuts! Das wirklich Schlimme am Älterwerden ist die Einsicht in die unzähligen Schattierungen, die für das bloße Auge manchmal schwer zu erkennen sind und diese Welt zu einem abscheulich ungemütlichen Ort werden lassen können.

So einfach war das damals

Kinderwelten (zumindest die heilen) haben noch stärkere Konturen und kräftigere Farben. Da läuft alles einfach nur nach dem „Engelchen & Teufelchen“- Prinzip: das Gute und das Böse sind klar voneinander getrennt, Richtig und Falsch lässt sich auf den ersten Blick unterscheiden und man kann sich darauf verlassen, dass der Bösewicht sowieso über kurz oder lang seine gerechte Strafe erhalten und aus dem Verkehr gezogen werden wird. So einfach war das damals.

So schwierig ist das heute

Wir werden älter, stellen Fragen, sammeln Erfahrungen und unsere Märchenwelt beginnt zu bröckeln. Engelchen & Teufelchen begegnen uns jeden Tag aufs Neue, aber das dazugehörige Prinzip geht flöten. Bilder erzählen von Menschen mit Hundeleinen um den Hals und die Zeitungen berichten über geistig Behinderte, die von Unbekannten bis zum Hals in Sandkästen eingebuddelt werden. Echte Menschen gegen echte Menschen und überhaupt nicht zum Lachen. Langsam aber sicher beginnt uns zu dämmern, dass Täter und Opfer manchmal gar nicht so weit auseinander liegen und die Sache mit der Allmacht des Guten nicht mehr als eine tröstende Legende aus der Kinderstube sein kann. So einfach ist das nämlich überhaupt nicht.

Kindheitslüge Nummer eins: „Es gibt immer einen Guten und einen Bösen.“

Kindheitslüge Nummer zwei: „Das Gute gewinnt.“

Die Dialektik des Lebens

Die Dinge nehmen ihren Lauf und wir fühlen uns zunehmend orientierungslos. Wonach sollen wir uns denn bitteschön richten, wenn die Konturen von Richtig und Falsch immer mehr ineinander verschwimmen? Regeln werden außer Kraft gesetzt, Gesetzmäßigkeiten verlieren ihre Gültigkeit und man sich einer völlig neuen Instanz gegenüber gestellt, die uns zuweilen alles andere als verlässlich erscheint: dem eigenen Gewissen.

Mehr oder weniger unvorbereitet sehen wir und also quasi über Nacht vollkommen uns selber überlassen und fühlen uns dabei wie ein kleines Kind vor dem Küchenherd des Lebens: „Los, finde gefälligst selber raus, welche Platte auf Hochtouren läuft!“ Autsch.

Wir werden gezwungen, uns endgültig von sämtlichen naivkindlichen Schwarz – Weiß – Theorien zu verabschieden, unsere eigene Weltordnung in Frage zu stellen und neu zu überdenken: Erwachsenwerden bedeutet, sich mühsam von einem Gewissenskonflikt zum anderen zu hangeln und Entscheidungen zu treffen, für die es manchmal einfach weder die richtige noch die eindeutig falsche Lösung geben kann. Das nennt sich dann wohl „Dialektik des Lebens“, nur ohne die Sache mit der wirklich realitätskompatiblen Synthese.

Die Folge: Unsicherheit und Selbstzweifel

„Was ist mir wichtiger? Gerechtigkeit oder Wahrheit? Moralität oder Legalität? Und woran erkenne ich überhaupt, wann ich mich richtig entschieden habe, wo ich doch überhaupt nicht wissen kann, wie die Konsequenzen ausgesehen hätten, wenn ich eine andere Wahl getroffen hätte?“

Die Folge: Unsicherheit und Selbstzweifel.

Das fängt schon bei den ganz alltäglichen Dingen an: Sage ich meinem besten Freund, dass seine einstmals große Liebe schon einen Neuen hat und füge ihm damit Schmerzen zu, oder behalte ich das für mich, weil sie ja sowieso mittlerweile in Frankfurt wohnt und er es vermutlich niemals von selber herausfinden würde?

Was ist mir wichtiger: der Job in der neuen Stadt oder meine Beziehung? Nehme ich den langen Weg zum nächsten Body Shop in Kauf, oder benutze ich einfach die Produkte aus dem Supermarkt und verdränge die brutalen Bilder von niedlichen Kaninchen mit abgetrennten Augenlidern?

Wettkampf ohne Medaillen

Wer nach diesen vegleichsweise eher „harmlosen“ Zerreißproben noch genügend Kraft hat um ab und zu eine Zeitung aufzuschlagen und die Angelegenheit in einen globalen Zusammenhang zu stellen, gerät endgültig aus dem Gleichgewicht und hat eigentlich keine andere Wahl, als Stück für Stück an dieser Welt und ihrem undurchschaubaren Regelwerk zu verzweifeln. Das Gedankenspiel auf einem Niveau höher und für Fortgeschrittene: Darf ich einem Menschen Schmerzen zufügen und ihn qualvoll foltern, wenn ich damit einem anderen das Leben retten kann? Gibt es Umstände, unter denen gewaltsames Eingreifen überhaupt in Frage kommen darf? Und überhaupt: Wie hoch ist eigentlich der Preis, den man für moralischen Idealismus zu zahlen bereit sein darf?

Wirklich erwachsen werden bedeutet unter anderem, Abschied von Sicherheit simulierenden Grundfesten zu nehmen und sich seinen eigenen, halbwegs gangbaren Weg durch einen Dschungel voller Unkraut, Fallstricke und gefährlicher Raubtiere zu bahnen, ohne dabei den Mut zu verlieren und sich aus Feigheit selber zu verraten. Realistisch betrachtet befinden wir uns also in einer Welt der Halbwahrheiten und im ständigen Wettkampf mit uns selber, bei dem keine Medaillen verteilt werden und, wenn überhaupt, nur Etappensiege in Frage kommen. Das ist anstrengend. Das zehrt an der Substanz.

Kindheitslüge Nummer 3

Und am allerhärtesten trifft uns schließlich Kindheitslüge Nummer drei:

„Man bekommt immer eine zweite Chance.“

Das ist nämlich der Erkenntnis-Tropfen, der das Fass dann endgültig zum Überlaufen bringt:

Wer die Überforderungen des Lebens annimmt, wird dabei auch Fehler begehen, die er nicht mehr rückgängig machen kann und für die er Cent für Cent bezahlen muss. Das kann teuer werden. Denn wenn es irgendeine Tatsache gibt, auf die wir uns wirklich verlassen können, dann ist es folgende: Das eigene Gewissen akzeptiert nun mal keine ungedeckten Schecks.

Autorin: Mirjam-Magdalena Bohusch

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