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    Home»Nachrichten»Ärztepräsident stellt 50er-Inzidenz-Marke in Frage

    Ärztepräsident stellt 50er-Inzidenz-Marke in Frage » Nachrichten

    News RedaktionNews Redaktion30.12.20↻ 15.11.21
    Fahrgäste mit Maske in einer U-Bahn, über dts Nachrichtenagentur
    Foto: Fahrgäste mit Maske in einer U-Bahn, über dts Nachrichtenagentur

    Berlin (dts Nachrichtenagentur) - Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat Bundesregierung und Länderchefs aufgefordert, bei der Entscheidung über eine Verlängerung des harten Lockdowns die Zielmarke von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner pro Woche zu überdenken. "Ob wir uns strikt an der Inzidenz von 50 orientieren, muss man mit Blick auf andere wichtige Faktoren, wie zum Beispiel die psychosozialen Folgen der Schulschließungen, genau abwägen", sagte Reinhardt dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (Mittwochausgaben). Er verlangte zudem, endlich eine Langfriststrategie zum Schutz der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen umzusetzen.

    Flankierend zu den Impfungen seien bundesweit einheitliche Maßnahmen zur Kontaktminimierung gerade für ältere und vorerkrankte Menschen nötig. "Warum ist es so schwer, deutschlandweit feste Senioren-Zeitfenster für Einkäufe im Einzelhandel zu schaffen oder spezielle Terminslots in öffentlichen Einrichtungen", sagte Reinhardt. Der Ärztepräsident forderte zudem nicht nur für Pflegeheime, sondern auch für pflegende Angehörige ausreichende Testmöglichkeiten und Schutzmaterial. "Ja, das alles kostet Geld und die Umsetzung ist nicht trivial, aber mit solchen Mitteln können unter Umständen Menschenleben gerettet und Lockdowns verhindert werden", sagte der Mediziner zu seinen Vorschlägen für eine Langfriststrategie. "Da wünsche ich mir mehr Kreativität von Ländern und Kommunen", mahnte der Ärztepräsident. Er erwartet, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung für eine Corona-Impfung in den kommenden Monaten wachsen wird. "Ich gehe davon aus, dass die jetzigen Umfrageergebnisse zur Impfbereitschaft von der Realität übertroffen werden", sagte Reinhardt dem RND. Für Geimpfte verlöre die Pandemie ihren Schrecken, sie würden sich besser fühlen und entspannter sein. "Das wird ansteckend sein, aber im positiven Sinne", so der Chef der Bundesärztekammer. Bisher zeigen Umfragen, dass sich nur etwas mehr als die Hälfte der Deutschen impfen lassen will. Für eine Herdenimmunität ist aber eine Rate zwischen 65 und 70 Prozent nötig. Der Ärztepräsident forderte, trotz der Impfungen die Abstands- und Hygienevorschriften weiter in Kraft zu lassen. "Solange nicht jeder, der geimpft werden will, ein Vakzin bekommen kann, müssen weiter Schutzregeln eingehalten werden - auch von den Geimpften", sagte er. Zwar sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass Geimpfte nicht mehr ansteckend seien. Doch möglicherweise bestehe ein Restrisiko. "Hier müssen wir unbedingt weitere wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen", forderte er. Wenn genügend Impfstoff zur Verfügung steht, dürfen Impfgegner nach Ansicht von Reinhardt aber nicht mehr mit der Rücksichtnahme der Gesellschaft rechnen. "Sie müssen mit dem Risiko leben, unter Umständen auch schwer an Covid-19 zu erkranken. Sie können die Gesellschaft nicht in Geiselhaft nehmen", warnte der Ärztepräsident. Der Präsident der Bundesärztekammer fordert als Konsequenz aus der Corona-Pandemie eine bundesweit abgestimmte Klinikplanung. "Die Pandemie zeigt, dass wir das Thema Krankenhaus neu denken müssen. Wir brauchen eine bundesweit abgestimmte Klinikplanung und eine länderübergreifende Kooperation", sagte Reinhardt dem RND. In den vergangenen Monaten sei in dieser Hinsicht schon einiges entstanden, was vorher undenkbar gewesen sei, sagte Reinhardt und nannte als Beispiel das Intensivregister und die Bereitschaft der Kliniken, sich untereinander auszuhelfen. Der Ärztepräsident lobte grundsätzlich die breit aufgestellte Kliniklandschaft. "Es ist noch gar nicht so lange her, da haben manche selbsternannten Politikberater den Abbau von 30 oder 40 Prozent der Betten gefordert. Das wäre grob fahrlässig." Er forderte aber mehr Spezialisierung: "Nicht jedes Krankenhaus muss jede Behandlung anbieten. Wir benötigen spezialisierte, größere Zentren und die Grundversorgung in der Fläche." Das könne dann auch dazu führen, dass einzelne Klinikstandorte zusammengelegt würden, aber eben unterm Strich ohne den Verlust von Betten. "Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass angesichts des stetig steigenden Behandlungsbedarfs kein Personal abgebaut wird und das Zusammenlegungen durchaus helfen können, Effizienzreserven zu heben und Ärzte von unnötigen Aufgaben zu entlasten."

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