
Berlin (dts Nachrichtenagentur) - Nach Einschätzung des früheren Außenministers Joschka Fischer hätte es die Präsidentschaft von Donald Trump ohne 9/11 nicht gegeben. "Ohne den langen Einsatz in Afghanistan und vor allem ohne die Verirrung des Irak-Kriegs wäre Donald Trump nicht Präsident geworden", sagte Fischer dem Nachrichtenmagazin Focus.
Auf die Frage, was die tiefste Verschiebung sei, die 9/11 ausgelöst habe, sagte der frühere Außenminister: "Was absolut nicht absehbar war, war die Selbstschwächung der USA unter Trump. Das ist für mich der entscheidende Faktor."
Er verstehe "die Ermüdung der amerikanischen Wähler angesichts der endlosen und verlorenen Kriege sehr gut", so Fischer. Aber eine Weltmacht könne nicht einfach sagen: "Ich habe genug", und sich nach Hause verabschieden. Dafür werde sie einen hohen Preis bezahlen - und alle mit ihr, die von ihr abhängen.
In der internationalen Politik sei "die Wahrnehmung durch das Gegenüber entscheidend", sagte Fischer. "Und die USA haben wesentliche Teile ihres Abschreckungspotenzials, aber auch ihrer Soft Power eingebüßt. Das Vertrauen der Europäer in die USA ist verloren. Und Vertrauen wiederherzustellen, ist unendlich schwierig."
Fischer fordert daher, "aus der deutschen Aufrüstung ein europäisches Projekt zu machen." Gleichzeitig ist er skeptisch: "Ich höre schon wieder das Geschrei: `Es ist unser Geld` und so weiter. Das ist kurzsichtig. Ich verstehe auch die Bundesregierung an diesem Punkt nicht. Wir sind als Nation in einer extrem herausfordernden Situation: mit einer Generation, für die historisches Verständnis nicht unbedingt Priorität hat, und mit einer Wiederkehr eines extremen deutschen Nationalismus, wie ihn die AfD verkörpert."
