
In Deutschland sterben nach Einschätzung des Intensivmediziners Uwe Janssens deutlich mehr Menschen an Hitze, als das Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt. Der medizinische Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin und Notfallmedizin (DIVI) hält die Schätzung des RKI für zu niedrig.
"Die Menschen schlafen ein und werden einfach nicht mehr wach"
"Alte Menschen haben kein richtiges Durstempfinden mehr. Sie merken nicht, dass sie Flüssigkeit verlieren und gegensteuern müssen", sagte Janssens den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Fehle Flüssigkeit, verändere sich die Konzentration der Körpersalze. "Die Menschen schlafen ein und werden einfach nicht mehr wach", so der Mediziner, der auch die Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler leitet. In der Regel versage die Niere, weil die Menschen austrocknen.
Mehrere Tausend Todesfälle mehr
Ein 85-Jähriger etwa, der allein zu Hause lebe und an einer Nierenschwäche und einer Herzschwäche leide, "stirbt dann einfach unbemerkt", erklärte Janssens. Auf dem Totenschein stehe dann Organversagen, obwohl die Hitze einen klaren Einfluss gehabt habe. Solche Todesfälle erfassten Statistiken nicht besonders gut. Er gehe deshalb davon aus, dass die Zahlen des RKI "nicht die gesamte Dramatik abbilden". Es seien sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr.
Kaum eine Notaufnahme klimatisiert
Janssens sieht die Politik in der Pflicht, mehr zum Schutz verletzlicher Gruppen zu tun. "Ich bin, auch als Bürger, extrem verstört über die Tatenlosigkeit der Bundes- und Landesregierungen", sagte er. Nötig seien ein verbindlicher nationaler Hitzeschutzplan, eine sinnvolle Zusammenarbeit von Bund und Ländern und Geld. Kaum eine Notaufnahme sei klimatisiert. Die entsprechende Ausstattung eines Zimmers koste 15.000 bis 20.000 Euro. Rechne man das auf das ganze Gebäude hoch, könne das keine Klinik allein stemmen. Das sei wirklich eine Katastrophe.
Frankreich als Vorbild
Neben einer besseren Ausstattung der Kliniken würden nach Ansicht des Geschäftsführers der DIVI auch mehr Nachbarschaftshilfe, mehr psychosoziale Unterstützung und Netzwerke helfen, um Menschen zu Hause frühzeitig zu schützen. Als Vorbild nennt Janssens Frankreich, wo Kommunen verletzliche Menschen in Hitzeperioden aktiv ansprechen. "Bei uns", sagte er, "sterben Menschen nicht nur an der Hitze, sondern letztlich auch an gesellschaftlicher Vernachlässigung."
mit Material der DTS Nachrichtenagentur
