Kolumne
Wir haben keine Flüchtlings-, sondern eine Vertrauenskrise!

eine Kolumne von Ernst Holzmann

Flüchtlinge auf dem Weg nach Lesbos

Flüchtlinge auf dem Weg nach Lesbos (Foto: punghi | Shutterstock)

Schon vor mehr als 2.000 Jahren wusste der römische Politiker und Philosoph Seneca worauf es nicht nur in der Politik ankommt:

„Mangelndes Vertrauen ist nichts als das Ergebnis von Schwierigkeiten. Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in mangelndem Vertrauen.“

Auch deswegen könnte es helfen, in der aufgeheizten Diskussion um flüchtende, „gestrandete“ Menschen jegliches Politisieren und Polemisieren einfach mal bei Seite zu lassen. Stattdessen sachlich und nüchtern zu analysieren, was Menschen von anderen erwarten, um ihnen vertrauen zu können, warum das Vertrauen in die Politik auf dem Tiefpunkt angelangt ist und wie dieses Vertrauen wieder zurückgewonnen werden kann.

1. Überlegen, was man sagt.

Nicht einfach „drauf los plappern“ und jeden Tag eine andere Meinung haben. Anstehende Herausforderungen mit kühlem Kopf analysieren, Optionen bewerten, Entscheidungen treffen. Gerade in Krisensituationen kommt es darauf an, Menschen für einen gewählten Kurs nicht nur „mitzunehmen“, sondern dafür zu gewinnen. Die Entwicklung einer starken, überzeugenden Vision kann dabei der „Leuchtturm“ sein, an dem sich alle anderen orientieren können. Dabei muss das „Nachher“ attraktiver als das „Jetzt“ beschrieben werden, das einfache Fordern von verstärkten Anstrengungen reicht dazu nicht aus. Menschen wollen wissen, warum und wofür sie sich besonders engagieren sollen, gerade, wenn sie zum ersten mal und von „heute auf morgen“, mit einer entsprechenden Ausnahmesituation konfrontiert werden.

Angela Merkel begründete ihr Handeln und ihren Antrieb auf der „Sommer-Pressekonferenz“ am 31.8.2015 unter anderem mit dem Hinweis auf unsere und die Europäische Verfassung („Schutz von politisch Verfolgten und von Kriegsflüchtlingen“). Sie wollte mit dem zwischenzeitlich schon legendären Satz „Deutschland ist ein starkes Land, wir haben schon so viel geschafft, wir schaffen das“ Zuversicht verbreiten und Richtung geben. Zusätzlich versuchte sie (Pressekonferenz am 15.9.15), die Menschen für Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft zu sensibilisieren und zu aktivieren: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Ihre Einstellung, ihr Handeln, kann rückblickend aus völkerrechtlicher und humanitärer Sicht als richtig und visionär betrachtet werden. Ihr Aufruf war ein klares Signal für das ganze Land, aber gleichzeitig schon der Ausgangspunkt für den anschließend eingetretenen Vertrauensverlust.

2. Entschlossenes Handeln, das was man sagt auch Tun

Wenn es darum geht, Unternehmen oder Menschen zu retten, ist oft nicht das „Wie“ entscheidend – auch nicht Perfektion in Bezug auf die im Normalfall geltenden Regeln und Vorschriften – sondern eher das „Überhaupt“. Der gewählte Weg kann dann nach der geglückten Mission endlos diskutiert werden, dieser stellt sich dann im oft nicht als der optimale dar. Aber gerade, wenn die Zeit knapp wird, gilt die bewährte Lebensweisheit: „Nicht zu lange Quatschen, sondern einfach Machen“!

Wieder das Agieren von Angela Merkel im Rückblick (Ihre Aussage am 15. September): „Wenn andere sagten, sie seien überrascht worden, könne sie angesichts der Notlage der Flüchtlinge in Ungarn nur antworten: „Es gibt Situationen, in denen muss entschieden werden. Ich konnte nicht zwölf Stunden warten und überlegen.“

3. Verlässlichkeit und Stabilität, gerade auch im Team

Nicht nur in einer Krise wird von den handelnden Personen ein klarer Kurs erwartet, auch das Zurückstellen von eigenen Befindlichkeiten, Egoismen und Eifersüchteleien in dem verantwortlichen Führungsteam. Wenn hier „Machtspielchen“ betrieben werden (auch schon im Hinblick auf die Zeit nach der Krise), wird die Glaubwürdigkeit von einzelnen Botschaften erschüttert, beschlossene Maßnahmen werden zerredet und diese von den betroffenen Menschen gar nicht erst angepackt.

Rückblickend hat sich aus meiner Sicht der Streit und Zank innerhalb der Regierungskoalition, speziell zwischen deren Parteivorsitzenden, verheerend auf das Vertrauen in die Notwendigkeit und Wirksamkeit getroffener Entscheidungen ausgewirkt. Ein stimmiges Bild von Einigkeit und Geschlossenheit zur Bewältigung der bestehenden Herausforderungen sieht anders aus. Damit wurde auch das Vertrauen hinsichtlich der Erreichung der ausgerufenen Vision („Wir schaffen das“) Tag für Tag geschwächt und wertvolle Zeit verschwendet. Und besonders erschwerend kommt hinzu, dass ein gemeinsames Handeln innerhalb der Europäischen UNION immer noch nicht zu erkennen ist, ganz im Gegenteil. Verstärktes Abschotten, zunehmender Nationalismus und auch offene Fremdenfeindlichkeit stehen im kompletten Widerspruch zu den in der Europäischen Verfassung beschriebenen Werten wie „dem Schutz vor Zurückweisung flüchtender Menschen in Übereinstimmung mit den geltenden völkerrechtlichen Verpflichtungen“.

4. Information und Kommunikation

Davon lieber zu viel als zu wenig, regelmäßig, bei besonderen Ereignissen „ad hoc“, am besten immer direkt und persönlich. Den Menschen ehrlich Rede und Antwort stehen, verfügbar und sichtbar sein, sich nicht „im Elfenbeinturm“ verstecken. Die Betroffenen haben ein Recht darauf, laufend und umfassend informiert zu werden, auch über „bad news“. Wenn wichtige Informationen (siehe Ereignisse um die „Kölner Silvester-Nacht“) dann nur zögerlich, sogar widersprüchlich, gegeben werden, ist das Kommunikationsdesaster perfekt. Das Vertrauen in die Richtigkeit der Nachricht, in die Glaubwürdigkeit des „Senders“ ist zerstört. Dann muss im Zweifel für die Verwirrung und Enttäuschung des „Empfängers“ über die unvollständigen Nachrichten auch das jeweilige Medium herhalten. Und wenn Menschen die vermittelte Botschaft generell nicht in ihr Weltbild passt, kann man sich nur schwer gegen den verkürzten Vorwurf der sogenannten „Lügenpresse“ wehren.

5. Wie kann das verloren gegangene Vertrauen zurückgewonnen werden?

Auch wenn in den letzten Monaten viel Vertrauen in die Handlungsfähigkeit und in das Krisenmanagement der politischen Institutionen verloren gegangen ist, gibt es trotzdem starke Anzeichen zur erfolgreichen Bewältigung der Flüchtlings- und Vertrauenskrise. Millionen von Menschen folgen weiterhin dem Aufruf von Angela Merkel und engagieren sich in vielfältiger Weise (gerade auch im Ehrenamt) um die Herausforderungen „zu schaffen“. Entscheidend ist jetzt, dass getroffene Entscheidungen endlich umgesetzt werden, der eingeschlagene Kurs beibehalten und Haltung von den Verantwortlichen bewiesen wird. Wenn dies nicht passiert, wenn PolitikerInnen weiterhin „ihr Fähnchen in den Wind halten“, nur um bei den bevorstehenden Wahlen Stimmen zu sichern, verlieren sie noch mehr Glaubwürdigkeit und damit noch mehr Vertrauen. Seneca würde dazu wieder sagen: „Den guten Steuermann lernt man erst im Sturm kennen“. Und ganz am Schluss sollten wir vielleicht diejenigen Menschen, die zwischenzeitlich Schutz bei uns gefunden haben, nach ihrem Vertrauen in den eingeschlagenen Kurs fragen. Ich vermute, deren Antwort fällt anders aus.

Der Autor

Ernst Holzmann

Ernst Holzmann   

Ernst Holzmann trug mehr als 30 Jahre Verantwortung in leitenden Funktionen (u.a. Geschäftsführer für Vertrieb & Marketing; Leiter Unternehmens-strategie) bei Unternehmen der IT-Industrie und agierte gleichzeitig als Trainer (mit DFB-Lizenz), Sportlicher Leiter und Vorstand bei verschiedenen Vereinen.

Aktuell unterstützt er als Interim Manager Unternehmen in strategischen Neupositionierungen und in speziellen Krisensituationen. Daneben gibt er seine Erfahrungen als Dozent und Referent für die Themen Leadership, Unternehmensführung, Sport-ökonomie, Marketing und Kommunikation an Studierende und bei Unternehmens-Seminaren/-Veranstaltungen weiter.

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  • 🕝 Anonymous

    Herr Holzmann, Sie schreiben Unsinn. Die „visionäre“ Kanzlerin hat Deutschland und Europa vor die Wand gefahren.

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