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Wie wichtig ist faire Sprache?

„Abwertende Sprache ist oft der erste Schritt zu abwertenden Handlungen“

Eine Kolumne von Martina Pahr

Wie wichtig ist faire Sprache?

Wie wichtig ist faire Sprache? (Foto: kasto | Bigstock)

FAIRsprochen: Wer spricht, handelt.

Meine Friseurin sieht es entspannt: Sie sei eine blonde Friseuse und könne gern so genannt werden. Andere Haarstylistinnen sehen darin eine abschätzige Bezeichnung, die der früheren schwachen sozialen Wahrnehmung des Berufes und diversen Erscheinungen der Popkultur geschuldet ist.

Ein Zigeunerschnitzel hab ich das letzte Mal gegessen, als Pippi Langstrumpfs Vater noch ein Negerkönig war. Der Begriff „Ärzte“ umfasst meist auch die weiblichen Ärzte (oder: Ärztinnen), während bei den „Krankenschwestern“ kein Krankenpfleger dabei ist, ohne separat erwähnt zu werden.

Wenn man sprachliche Diskriminierung nicht kennt …

Wenn du, lieber Leser, ein weißer, heterosexueller, christlicher Mann ohne Migrationshintergrund oder Behinderung bist, fragst du dich vielleicht, was der ganze Eiertanz um die politisch korrekte Sprache überhaupt soll – denn du wirst nicht regelmäßig vom alltäglichen Sprachgebrauch ausgeschlossen, abgewertet oder diskriminiert. Das sei dir von Herzen gegönnt – aber allen anderen eben auch.

Sprache ist ein Aspekt unseren Handels, der ebenso nach moralischen Gesichtspunkten bewertet werden kann wie die anderen, meint Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch. Kritik kann deshalb nicht nur an den Inhalten, sondern auch den Formen des Sprachgebrauchs geübt werden, wie etwa bei Lüge, Euphemismus, Täuschung – und eben Herabwürdigung. Auch für Sprache gilt die „goldene Regel“, unser Verhalten anderen gegenüber aus deren Perspektive zu betrachten.

Kann Sprache wirklich schaden?

Wenn ich Deutsche ungern als „Köterrasse“ bezeichnet sehe, sollte ich andere nicht als „Kanaken“ titulieren – so weit, so gut. Doch warum stößt die Kritik an diskriminierender Sprache auf wenig Zustimmung, sogar Abneigung? Vielleicht, überlegt der Wissenschaftsblogger, weil niemand glaubt, dass dadurch Schaden entsteht – oder auch, weil wir die meisten Formen dieser Sprache als „neutral“ bewerten: „Wiener Würstchen“ würde ja auch nicht die Hauptstädter beleidigen, und „Neger“ bedeute schlicht „schwarz“.

Das „generische“ Maskulinum, die männliche Personenbezeichnung für geschlechtsgemischte Gruppen, sei ebenfalls im Grunde geschlechtsneutral. (Werden dagegen umgekehrt die Männer im generischen Femininum, wie etwa 2013 bei der Satzung der Universität Leipzig, einfach „mitgemeint“, ertönt sofort ein massiver Aufschrei wegen „sprachlicher Kastration“.)

Unsere Sprache ist nicht auf Gleichbehandlung ausgelegt

„Unsere Sprache ist schon in der Struktur vor allem ihres Wortschatzes nicht auf eine Gleichbehandlung ausgelegt“, erklärt Stefanowitsch. Ihr fehlt das Vokabular, die Angehörigen der „Mehrheit“ (bzw. Machthaber: männlich, weiß … siehe oben) ebenso beiläufig zu diskriminieren, wie es mit Frauen, Migranten, Muslimen, Homosexuellen oder Schwarzen möglich ist. Gleichheit würde bedeuten, „das sprachliche Spielfeld im Sinne der goldenen Regel so zu gestalten, dass dieses abfällige Reden für alle mit dem gleichen Aufwand verbunden ist.“

So aber steht für die einen Wörter zur Verfügung, die durch ihre Bedeutungsgeschichte „aufgeladen“ sind mit damit assoziierten Eigenschaften – während die Minderheiten umgekehrt nicht so nebenbei beleidigen können. Natürlich geht es jetzt nicht darum, den Menschen Worte wie Waffen in die Hand zu geben. Sondern darum, zu realisieren, dass wir mit unserer Sprachwahl andere abwerten und ausgrenzen können – oder aber ein Zeichen setzen, dass wir eben dies nicht gutheißen.

Plädoyer ohne erhobenen Zeigefinger

Das Büchlein von Stefanowitsch ist ein erstaunlich spannend zu lesendes, engagiertes und präzises Plädoyer, das ohne erhobenen Zeigefinger eine dringliche Notwendigkeit zeigt: „Abwertende Sprache ist oft der erste Schritt zu abwertenden Handlungen.“ Nachdem der Autor die gängigen Argumente gegen eine politisch korrekte Sprache zerpflückt und ihren Kern, die Moral, anschaulich darstellt, schlägt er vor, die Bezeichnung zu übernehmen, die betroffene Minderheiten für sich akzeptieren (außer, wenn es in Konflikt mit anderen moralischen Verpflichtungen gerät, wie im Fall von „Reichsbürgern“ oder „Rechtgläubigen“).

Er glaubt, dass sich allein durch Sprachreformen unser Verhalten nicht verändern wird – aber dass wir damit unseren Wunsch nach Gleichheit ausdrücken können. Mir als Schreiberin verlangt politisch korrekte Sprache wesentlich mehr Sorgfalt ab – ich gestehe ihr aber mehr Macht zu. „Neusprech“ in Orwells „1984“ wie auch die Verbote der lokalen Sprache durch fremde Invasoren in der Geschichte zeigen, wie Sprache als Mittel der Unterdrückung genutzt wird, denn sie bildet nicht nur ab, sondern lenkt und beeinflusst unsere Wahrnehmung. Irgendwann, liebe Leser und Leserinnen, liebe Leser*innen, liebe Leser/-innen, wird uns „faire“ Sprache ebenso leicht aus der Feder und von der Zunge fließen wie jetzt die unreflektierte.

Die Autorin

Martina Pahr

Martina Pahr

Martina Pahr schreibt als frei Autorin für Magazine in Deutschland, Österreich und der Schweiz und pendelt zwischen Schottland, Asien und der Homebase in München.

Im Mai 2019 erscheint ihr erster Ratgeber „Sorg’ für dich selbst, sonst sorgt sich keiner“.

www.martinapahr.de

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Anatol Stefanowitsch: „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen.“, Duden Verlag

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