Plädoyer für eine neue Männlichkeit
Kolumne: Männer, lernt von den Frauen!

Was Männer von Frauen lernen können, wenn es um den öffentlichen und beruflichen Auftritt geht.

eine Kolumne von Karin Seven

Begeisterung

Männer schaffen es oft nicht, ihre Zuhörer zu begeistern (Foto: bikeriderlondon | Shutterstock)

Joachim hat eine neue Idee, wie die Abläufe in seiner Abteilung verbessert werden könnten. In einem Meeting bekommt er die Möglichkeit, seine Überlegungen zu präsentieren. Er hat sich viele Gedanken gemacht, eine kleine Power Point Präsentation vorbereitet und sich Stichworte notiert. Seinen Rednertext ist er vorher mehrmals durchgegangen. Er fühlt sich selbstbewusst. Und es klappt alles. Er trägt fehlerfrei vor und ist sich sicher, dass er die Zuhörer von seinen Ideen überzeugen kann.

Doch der Applaus nach dem Vortrag ist verhalten. Es gibt kaum Nachfragen. Auch die angeregte Diskussion, die er sich erhofft hatte, bleibt aus. In der Mittagspause spricht er eine Kollegin an, um sie nach ihrer Meinung zu fragen. Doch sie scheint sich kaum für seine Vorschläge zu interessieren. An vieles aus dem Vortrag kann sie sich gar nicht erinnern.

Joachim ist enttäuscht. Warum ist bei der Kollegin so wenig hängen geblieben? Und warum konnte er die anderen nicht von seinen Ideen überzeugen?

Inhalt: gut, Auftritt: mangelhaft

Joachim ist zwar keine real existierende Person. Aber solche Situationen erlebe ich zuhauf: Männer kommen zu mir ins Coaching und beschweren sich, dass sie trotz inhaltlicher Kompetenz mit ihren Ideen nicht überzeugend sind.

Zu erst dachte ich, es sei nur Zufall oder eine Phase, aber über die Jahre erhärtete sich mein Verdacht: Immer mehr Männer brauchen Unterstützung bei ihrem öffentlichen Auftritt. Sie merken selber, dass sie ihre Zuhörer nicht erreichen. Oder bekommen das Feedback von ihren Vorgesetzten und Freunden.

Während des Trainings wird schnell klar warum. Wenn ich Sie bitte, mir eine Kostprobe ihres Vortrages zu geben, zeigt sich mir folgendes Bild: Hände in den Taschen, der Ausdruck gelangweilt, schlaffe Körperhaltung, nervöses Zappeln mit den Fingern. Die Sprache langsam, monoton und ohne Ausdruck. Alles in allem lustlos und unengagiert.

Emotionen und Business? Kein Widerspruch!

Überraschend ist dabei: Frauen haben diese Probleme nicht. Beim öffentlichen Sprechen sind sie meist präsent und offen. Sie bringen ihr Thema mit Enthusiasmus rüber und überzeugen. Und sind dadurch erfolgreich.

Was ist da los? An der Kompetenz hapert es bei beiden Geschlechter nicht. Die meisten meiner Klienten sind gut ausgebildet, ehrgeizig und professionell. Aber warum schneiden die Männer beim öffentlichen Auftreten so viel schlechter ab als die Frauen?

Die stärkere Präsenz von Frauen im Business hat über die Jahre einiges verändert. Frauen dringen wie selbstverständlich mehr und mehr in alle Berufsgruppen. Und sie bringen neue Werte mit, auf die früher kaum einer Wert legte: Eine viel offenere Art zu kommunizieren, Ausdrucksstärke, Einfühlungsvermögen und eine überzeugende Präsenz.

Ob ein Vortrag ankommt oder nicht, hängt nicht nur von der inhaltlichen Ebene ab. Mindestens genauso wichtig ist, wie die Person auftritt, wie sich gibt, wie sie spricht, sich bewegt, gestikuliert und wie sie in Kontakt mit den Zuhörern geht. Und da sind die Frauen den Männern weit voraus!

Der Schlüssel: Authentizität

Frauen zeigen Präsenz

Frauen zeigen Präsenz (Foto: lightpoet | Shutterstock)

Sie haben eine klare und feste Stimme. Sie zeigen Präsenz, indem sie den ganzen Raum nutzen. Ihre Körperhaltung ist offen, die Gesten dynamisch. Das macht Eindruck. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer ist ihnen sicher.

Was nützt also der beste Inhalt, wenn er nicht ankommt? Kommen wir zurück zu Joachim. Was hätte er besser machen können? Die Grundvoraussetzung für eine gute Rede bringt er mit: Er vertritt sein Thema mit Leidenschaft.

Denn nur wer selbst brennt, kann andere entzünden.

Was ihm und den meisten Männern aber noch fehlt, ist der Mut zur Privatheit. Auch im Business. Männer denken, sie müssten professionell und frei von Emotionen sein. Das Gegenteil ist aber der Fall.

Die Kunst, in der Öffentlichkeit privat zu sein

Ich möchte den Männern Mut zusprechen. Zeigen Sie etwas von sich! Das heißt nicht, dass Sie im Business über Beziehungsprobleme oder den letzten Familienausflug sprechen sollten. Aber um langfristig erfolgreich zu sein, müssen sie lernen, authentisch zu sein. Authentizität ist aber keine Rolle, die man erlernen kann. Authentisch können Sie nur sein. Nur dann können Sie ihr Gegenüber oder ein Publikum erreichen, überzeugen und begeistern.

Authentisch zu sein, heißt echt und präsent zu sein.
Spulen Sie keine Kassette ab.

Trauen Sie sich ihren Körper und ihre Emotionen wahrzunehmen. Positive wie negative. Auch wenn Sie in der Öffentlichkeit stehen. Manchmal kann es auch helfen, sie auszusprechen. Wenn Ihre Notizen beispielsweise durcheinander geraten sind, verbalisieren Sie das. „Entschuldigen Sie, ich muss kurz meine Notizen ordnen.“

Das Publikum wird Sie für Ihre Echtheit und Ehrlichkeit belohnen. Denn Sie werden als Mensch erlebbar. Das Publikum kann eine Beziehung zu ihnen aufbauen. So transportieren sich Ihre Inhalte wie ganz von selbst.

Eine neue Männlichkeit

Für Frauen ist es natürlich, sich privat zu zeigen. War ihr Tätigkeitsfeld über Jahrhunderte lang der private Raum. Sie haben Familien versorgt und gemanagt. Diese Fähigkeit brauchen sie also nicht mehr zu lernen. Sie bringen sie schon von Vorhinein mit. Und sind deswegen in sozialen Interaktionen erfolgreicher als die Männer.

Lange hat man geglaubt, die Frauen müssen von den Männern lernen, wie es im Job läuft. Was den öffentlichen Auftritt anbelangt, ist es genau anders herum. Da können die Männer sich was von den Frauen abgucken. Das heißt natürlich nicht, dass alle Männer nun Frauen werden sollen. Aber wenn Männer weiterhin den kontrollierten und distanzierten Geschäftsmann spielen, werden sie langfristig nicht erfolgreich sein. Ich empfehle ihnen eher, diese Form von Männlichkeit zu überdenken und etwas „Weiblichkeit“ in ihr (Geschäfts)Leben zu lassen.

Die Autorin

Karin Seven

Karin Seven

Karin Seven lebt und arbeitet in Berlin. Die gebürtige Kaiserslauternerin arbeitet seit 1993 als freischaffende Schauspielerin in Berlin und gründete eine eigene Theatercompany. Seit 20 Jahren hilft sie jungen Talenten als Schauspieldozentin beim Karrierestart.

In den letzten fünfzehn Jahren ist Karin Seven verstärkt als Coach und Trainerin für große Unternehmen wie Schering AG, Bayer AG, Deutsche Bahn AG, Sanofi Synthelabo tätig. Sie konzentriert sich dabei auf die Themen Persönlichkeitsentwicklung, Präsentation, Körpersprache und Stimme. Eben auf den starken Auftritt.

Das Buch

Nun macht sie ihre Erfahrungen auch den Menschen zugänglich, die nicht direkt mit ihr zusammengearbeitet haben. Im Buch „PowerAct – Ihr starker Auftritt“ gibt sie ihre Erfahrungen aus 30 Jahren Schauspielerei und 20 Jahren Coaching weiter.

Website von Karin Seven

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